Arrivederci Lanz …

15. Dezember 2014
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Ich habe mir die Sendung am Samstag angesehen, weil ich mich von einer Kindheitserinnerung verabschieden wollte. Auch ich gehöre zu denen, die Samstags Abends frisch gebadet und gemütlich eingemummelt auf dem Sofa mit den Eltern „Wetten dass…?“ gesehen haben. Es hat uns immer viel Spaß gemacht, wir haben mitgefiebert, gelacht und über die Gäste diskutiert.

Auch nicht oft genug erwähnen kann eins den grandiosen Auftrifft von Michael Jackson 1995. Für mich als Jacko-Fan DAS Highlight. Und Highlight ist ein gutes Stichwort. Das ZDF hätte gut daran getan zum Abschied von „Wetten dass…?“ eine Sendung mit den Highlights aus 33 Jahren zu machen, ohne Lanz wieder auf Gäste und Kandidaten loszulassen, denn das kann er nun mal einfach nicht. Lanz ist kein Showmaster, kein Entertainer. Nicht nur, dass es ihm nach den vergangenen Monaten unglaublich schwer gefallen sein muss diesen Abend durchzustehen, wissend, dass er für alles verantwortlich gemacht wird und jede seiner Bewegungen und jedes seiner Worte in der Luft zerrissen wird. Das alleine war es nicht was ihn vorgestern scheitern ließ. Das weiß ich, weil ich mir vor Monaten schon eine „Wetten dass…?“ Sendung mit ihm ansah. Ich wollte damals einfach nach den ersten Verrissen wissen, ob er wirklich so mies ist, wie alle behaupteten, denn eigentlich hielt ich ihn für recht smart. Ich nahm an, dass die niederschmetternden Kritiken sicher übertrieben wären. Aber ich würde eines bessern belehrt. Fakt ist: er hat ‘s einfach nicht drauf. Er kann weder mit Gästen umgehen, noch mit den Kandidaten, statt dessen tappt er mit Bravur in jeden Fettnapf. Sexismus, Alltagsrassismus, Homophobie, Ableismus, Lanz lässt kaum eine Gelegenheit verstreichen zu beweisen, dass er Taktlosigkeit echt drauf hat.

Beispiele? Die gab es am Samstag reichlich. Da ist zum einen die Wette mit einem fünfjährigen Jungen, der Hunde daran erkennen will, wie sie ihm Leberwurst von der Hand lecken. Was im ersten Moment noch relativ harmlos und vielleicht ganz witzig klingt, wird spätestens durch die anzüglichen Witze von Lanz (aber auch von den Wettpaten Bully, Elton und Otto) dann einfach nur noch geschmacklos, peinlich und extrem grenzwertig.

Oder die Wette der Cheerleaderinnen, die in 5m Höhe Wäschestücke auf eine Leine hängen. Lanz setzt diese tolle sportliche Leistung ins rechte Licht, indem er nach gewonnener Wette zu den Mädels sagt, dass sie erst richtig gut sind, wenn sie die Wäsche dort oben noch bügeln können

Auch sehr schön anzusehen, wie er dem blinden Wettkandidaten zur Begrüßung, die Hand fast in den Bauch rammt, statt ihn in entsprechendem Abstand anzusprechen und so diesem die Möglichkeit zu geben Lanz seine Hand entgegen zu halten, wobei beide eine bessere Figur gemacht hätten.

Eine Peinlichkeit reihte sich an die andere und gipfelte schließlich im Interview mit Samuel Koch, dem Mann, der sich damals bei einer Wette sein Genick brach und seit dem vom Hals abwärts gelähmt ist. Ganz offensichtlich war dies als emotionaler Höhepunkt der Sendung geplant. Lanz versuchte auch Koch entsprechendes zu entlocken. Wiederholt fragte er nach wie es ihm jetzt gehe, explizit auch gesundheitlich, da Koch ihm zum Glück nicht den Gefallen tat und rührselig sein schweres Schicksal bedauerte. Samuel Koch blieb gelassen und ließ Lanz gekonnt auflaufen. Dieser Griff daraufhin direkt erneut daneben, als er zu Koch sagte “Du hast offensichtlich nicht nur deinen Humor verloren”, nachdem Koch scherzhaft bemerkt hatte, bei seinem letzten “Wetten, dass..?”-Auftritt einen “steifen Hals” und daher nicht die Gelegenheit gehabt zu haben, sich richtig zu verabschieden. Seinen Versprecher schien Lanz nicht bemerkt zu haben, zumindest korrigierte er sich nicht.
Samuel Koch war ihm Gegensatz zu Lanz ganz Profi. Er blieb das ganze Gespräch über souverän und half Lanz im Grunde sogar indem er sagte, dass er einfach wie jeder andere Gast über seine aktuellen Projekte (Film mit Till Schweiger, Serienrolle etc.) sprechen möchte. Doch Lanz schaffte es nicht diesen Strohhalm zu ergreifen und kam immer wieder auf Kochs Behinderung zu sprechen, schließlich machte er nicht einmal davor halt Koch zu fragen, ob er denn einen Sinn in seinem Unfall sähe. Ob er sich dieser unglaublichen Taktlosigkeit bewusst war? Koch hingegen erweist sich auch hier erneut als sehr Schlagfertig und sagt einen wie ich finde grandiosen Satz: “Ich wage nicht zu behaupten, dass das Sinn hatte. Ich versuche dem Ganzen den Unsinn zu nehmen.”

Werter Herr Lanz, Sie hatten doch auch schon Raul Krauthausen zu Gast, haben Sie da gar nichts gelernt? Der hat ihnen doch auch von Leidmedien.de erzählt. Vielleicht holen Sie sich vor dem nächsten Interview mit einem Menschen mit Behinderung mal ein paar Tipps?!

Übrigens war in diesem Interview auch etwas zu beobachten, was ich neulich mal hier in meinem Podcast ansprach, nämlich die Distanzlosigkeit, die auch auf körperlicher Ebene gegenüber Menschen mit Behinderung an den Tag gelegt wird. Lanz tatschte immer wieder an Koch herum und rückte ihm auf der riesen Couch auf die Pelle. Bei anderen Gästen sah ich das bei ihm noch nicht.

Wem es bisher nicht klar war, dem hat Lanz am Samstag nun endgültig bewiesen, dass er nicht das Zeug für eine solche Show hat. Sehr schade um ein eigentlich gutes Showkonzept. Nur der Vollständigkeit halber, “Wetten dass…?” mit Gottschalk hatte ich auch schon lange nicht mehr gesehen. Gottschalk war ein guter und ist es in gewisser Weise sicher noch, aber wohl für eine andere Zielgruppe als mich…
Mit einem neuen, wirklich guten Moderator und Entertainer hätte „Wetten dass…?“ nochmal die Kurve kriegen und wiederkommen können. Ich zumindest vermisse gute Samstagabend-/Spielshows. Außer „Schlag den Raab“ gibt ‘s da eigentlich nichts, was ich mir ansehen möchte.

Dass nicht nur Lanz taktlos kann, haben übrigens Bully und Otto mit ihrem „Arrivederci Lanz“ bewiesen, dass sie unnötig lange zelebrierten und sogar noch das Publikum aufforderten mitzusingen, was dieses im übrigen gerne tat. Da bekam selbst ich ein wenig Mitleid mit Lanz.

Das einzige was für mich die Sendung erträglich machte war übrigens nebenbei zu twittern. Warum ich nicht abgeschaltet habe? Tja nun, ich glaube das ist das „Autounfall-Phänomen“, es ist schrecklich, aber eins kann einfach nicht wegsehen.

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